Toraja

von

Susann

Ich habe schon sehr viel auf dieser so wundervollen Welt gesehen. Toraja ist ein Ort, der nicht nur wirklich einzigartig ist, sondern mich zutiefst beeindruckt und berührt hat. Das Gebiet Tana Toraja befindet sich auf auf Sulawesi/ Indonesien und ist vor allem für seine Traditionen und Rituale rund um den Tod bekannt. Für die Menschen hier ist nicht das Leben entscheidend sondern nach ihrem Ableben der Weg ins Jenseits welches sie „Puya“ nennen. Aus diesem Grund ist die Beerdigung eines verstorbenen Angehörigen enorm wichtig und mit viel Aufwand verbunden.

Ehrlich gesagt wusste ich davon vorher nicht viel. Ich hatte vor Jahren mal eine Dokumentation über diese Kultur gesehen. Es hieß, das hier die Menschen mit den Toten leben. Das musste ich sehen. Allerdings war genau das nicht gerade einfach. Dazu aber später mehr.

Die Beerdigung als gesellschaftliches Spektakel

„Puya“ zu erreichen ist das Ziel. Um den Weg dahin zu ebnen, müssen die Lebenden einige Rituale durchführen. Das erfordert einen immensen Kostenaufwand, den die Angehörigen erstmal aufbringen müssen. Dafür brauchen sie Zeit. Während dieser Zeit wird der Verstorbene erstmal im Haus aufgebahrt. Mit einer Infusion werden die Körperflüssigkeiten mit Formalin ausgetauscht. Das Körpergewebe wird wieder fest und der Verwesungsprozess verlangsamt. Bis zur Beerdigung ist der Verstorbene offiziell krank. Es kann bis zu zwei Jahre dauern bis die Beerdigung stattfinden kann. Solange ist der Tote immer noch Teil des Familienlebens. Er bekommt sogar Essen gebracht.

Eine Beerdigung dauert mehrere Tage. Am ersten Tag wird der Sarg auf dem Gelände hoch über den Besuchern in eine Art Bambus-Bungalow aufgestellt. Bei Verstorbenen mit einem höheren Stand wird allein das zu einem aufwändigen Ritual mit einer vorherigen Fahrt durch die Stadt um dann auf dem Gelände, begleitet von den Angehörigen, Tänzern, Büffeln und Schweinen mit vereinter Manneskraft emporgehoben zu werden.

Die vielen Verwandten aus ganz Indonesien und wahrscheinlich auch von weiter weg, werden von der nahen Verwandtschaft begrüßt und ein erster Büffel oder Schweine werden geopfert, um für alle etwas zu essen reichen zu können. Zu Trinken gibt es Tuak. Ein leicht alkoholisches Getränk, dass jedes Gemeinschaft anders braut und traditionell aus Bambus getrunken wird.

Alle gehen in Schwarz aber die Kinder und Enkelkinder sind auffälliger gekleidet. Sie gehen bei der Prozession vorweg und stehen wie kleine Wächter Spalier wenn die Angehörigen ihre Plätze einnehmen. 

Der Büffel-Kampf

Zu Ehren des Verstorbenen werden vor den eigentlichen Zeremonien Büffel-Kämpfe veranstaltet. Das ist ein großes und aufregendes Erlebnis. Es gibt sogar Fanclubs für bestimmte Büffel. Natürlich ist jeder Büffel ersetzbar. So gibt es von „Dalle“ sogar schon den vierten. Wetten spielen bei diesen Kämpfen eine nicht minder wichtige Rolle. Während des Kampfes postieren sich Helfer nahe an die beiden Büffel und klatschen permanent in die Hände um die Kolosse zum Kampf anzustacheln, was nicht immer gelingt. Aber wenn sie kämpfen, dann ist es faszinierend und aufregend, wie diese schweren Geschöpfe immer und immer wieder mit ihren Köpfen zusammenstoßen und ihre Vorderbeine tief in den Sand stemmen und sich dem Gegner gegenüber zu behaupten. 

Der Sieger darf überleben, für den nächsten Kampf. Der Verlierer wird geopfert und darf den Verstorbenen nach Puya begleiten, was nicht minder respektvoll ist, denn für diese beschwerliche Reise über 1.000 Berge werden nur die stärksten Büffel gebraucht.

Die Opferung

Damit die Verstorbenen gut und sicher in Puya ankommen, werden Büffel und Schweine geopfert. Je mehr desto besser. Je wertvoller desto noch besser, denn das zeugt nur noch größeren Respekt dem Verstorbenen gegenüber. Ein einfacher schwarz/grauer Büffel kostet 5 Mio. Rupiah (ca. 300 Euro). Ein etwas seltener der schwarz/weiß gefleckt ist, ist schon wertvoller und ein Albino-Büffel ist nahezu unbezahlbar. Zum Vergleich: Der Bau eines Hauses in Toraja im traditionellen Stil kostet 1.5 Mio. Rupiah.

Das Ritual der Opferung ist sehr blutig und für den ein oder anderen Tierschützer wahrscheinlich ein barbarischer Vorgang. Allerdings ist das Teil der Kultur von Toraja und jeder Büffel hatte bis zu seinem letzten Tag ein schönes Leben in der grünen Weite Sulawesi. Sie haben ihren eigenen „Pfleger“ der sich liebevoll um den Büffel kümmert. Nur Männer führen die Tötung und das Schlachten durch. Der Mann, der das Tier tötet bekommt 200.000 Rupiah am Tag. Umgerechnet ca. 12 Euro. Die Schlächter müssen sich ihr Geld teilen.

Sowohl die Schweine als auch die Büffel sind Spenden an die Familie des Verstorbenen. Alles, wirklich alles wird von dem Tier verwertet. Vorher wurden sowohl die Büffel als auch die Schweine versteigert. Der Erlös kommt der Familie des Verstorbenen zu Gute und diese entscheidet auch ob ein Büffel geopfert oder an die Gemeinde gespendet wird, sowie an wen auch das Fleisch gespendet wird. 

Ein gekonnter Hieb in die Halsschlagader es Büffels und das Tier verblutet innerhalb von ein paar Minuten. Die Schweine bekommen einen starken Messerstoß tief in den Körper. Unter dem ohrenbetäubenden Quieken sprudelt das Blut aus der Wunde bis das Tier irgendwann verstummt und die Schlächter erst die Haut anbrennen um dann alles in kleine Stücke zu zerteilen, die dann in einem Bambusrohr zusammen mit Gemüse und Kräutern über dem Feuer gegart werden um später gemeinsam zu essen. Sind mehrere Schweine geopfert worden, so werden die Fleischstücke an den meistbietenden und den höchsten Mitgliedern der Gemeinde verteilt. Die besten Stücke bekommen die Ältesten. 

An dieser Stelle ein Hinweis zu meinem Video zu diesem Thema. Ich habe bewusst alles der Opferung gefilmt und fotografiert. Es ist eine sehr blutige Angelegenheit und wie schon erwähnt, für den ein oder anderen eine Folterung des Tieres. Aber am Ende ist es ein Ritual und Teil der Toraja-Kultur. Ein sehr wichtiger dazu. Werden die Tiere nicht geopfert, kann der Verstorbene nicht nach Puya gelangen, was für die Toraja das Schlimmste bedeutet, so dass wir es uns nicht vorstellen können. Ich empfehle euch, verurteilt es nicht sondern seht hin, denn ich verschaffe euch einen Einblick ist diese einzigartige Welt.

Die Gräber und ihre Tau Tau

Nach den tagelangen Ritualen wird der Sarg feierlich an seine letzte Ruhestätte gebracht. Die traditionellen Gräber werden in Felsen eingelassen. Nur Menschen aus der obersten Klasse bekommen ein Grab im Felsen und einen Tau-Tau und auch nur dann wenn 24 Büffel geopfert worden sind. In einem Felsen können hunderte Verstorbene mehrerer Generationen einer Familie liegen. Abgeschlossen durch ein Vorhängeschloss, dass sich an einer etwa 60 cm hohen Tür befindet, wachen die Tau Tau über die Gebeine. Tau Tau sind lebensgroße Holzfiguren, die den Verstorbenen nachempfunden sind. Sie sollen ein Abbild des Verstorbenen sein, und tragen manchmal sogar deren Kleidung. Sie werden von Hand aus Jackfruit-Holz geschnitzt. Dieses Holz wird eine lange Lebensdauer nachgesagt.

Die Ma’Nene Zeremonie

Dieses Ereignis ist wirklich sehr speziell und wahrscheinlich in der Form einzigartig auf der Welt. Um überhaupt Zeuge einer Ma’Nene Zeremonie sein zu können, muss man wissen, das dieses Geschehen nur im einem Gebiet nord-westlich von Rantepao/Toraja stattfindet. Und dann auch nur zur Reisernte, was einen Zeitraum von 3-4 Wochen beschreibt. 

Die Gräber werden meistens erst nach 2-3 Jahren geöffnet. Alle Familienmitglieder der Verstorbenen kommen zusammen, sowie die Dorfbewohner. Alle versammeln sich und das Essen (wie auf einer Beerdigung Schwein mit Kräutern in Bambus) wird über dem Feuer zubereitet. Es gehen alle gemeinsam zu dem Grab. In meinem Fall war es ein modernes, das Patane genannt wird. Eine kleine Hütte auf Stelzen gebaut aus Holz. Sie können aber auch aus Beton gebaut sein. 

Das Schloss zum Patane wird geöffnet und nach und nach werden die Verstorbenen hinausgetragen. Manche befinden sich noch in Särgen, andere sind in bunten Laken eingewickelt. 

Der Ablauf ist so einfach wie faszinierend. Jeder einzelne Verstorbene wird „ausgepackt“. Die Kleidung wird ihm ausgezogen und nachdem er ein bisschen gesäubert worden ist, bekommt er neue Kleidung angezogen. Danach werden gemeinsame Fotos gemacht. Auch die Familienmitglieder, die nicht persönlich dabei sein können, werden per Videoanruf dazu geholt.

Die Stimmung ist zu Anfang etwas bedrückend und die Trauer bekommt ihren Moment. Doch dann wechselt es schnell zum lockeren Miteinander wie auf einem Familientreffen und die Verstorbenen sind mitten unter ihnen.

Ein Gemisch aus modrigen und süßen Verwesungsgeruch liegt in der Luft. Parfüm soll den Geruch etwas mildern, allerdings ist es für manche dann doch zuviel und nehmen etwas Abstand.

Ich schaue auf diese Szenerie und habe das Gefühl, dass ich zwischen der Realität und einem Film schwebe. Was da vor meinen Augen passiert ist so surreal und doch ein wichtiges Ritual und völlige Selbstverständlichkeit der Einheimischen hier. Ich habe vorher noch nie eine Leiche gesehen und hier waren es gleich mehrere in verschiedenen Stadien der Verwesung. Die meisten Verstorbenen sind in einer überraschend guten Verfassung, wenn man bedenkt, dass sie zum Teil schon über 20 Jahre tot sind.

Sind alle verstorbenen Familienmitglieder neu eingekleidet und alle Fotos gemacht worden, kommen sie gut verpackt wieder zurück in ihre Ruhestätte. Der letzte Hammerschlag auf das Schloss an der Tür ist gefallen, die alte Kleidung und Särge beiseite geräumt. „So, jetzt gehen wir essen“ sagte die Mutter des erst kürzlich verstorbenen Sohnes zu mir. Und damit ist die Ma’Nene Zeremonie beendet.

Auf dem Weg zurück nach Rantepao wurde ich nachdenklich. Was ist da gerade geschehen? Und habe versucht meine Gefühle und Gedanken zu sortieren und zu definieren. Diese Menschen gehen so ganz anders mit ihren Verstorbenen um als viele viele andere Kulturen auf dieser Welt und irgendwie fand ich es gar nicht abschreckend sondern tatsächlich eine schöne Art mit dem Tod umzugehen. Plötzlich waren der Vater, die Enkelin, die Oma oder der Onkel wieder unter ihnen. Nur für einen kurzen Moment, aber ich bin sicher, dieser immer wiederkehrende Moment ist genau das Gegenteil eines Abschieds für immer von einem geliebten Menschen.

Ein außergewöhnlicher Artikel

Die Kultur von Toraja ist nicht nur einzigartig sondern auch unglaublich vielseitig, so dass dicke Bücher damit gefüllt werden können. Deswegen hat dieser Artikel besonders viel Zeit in Anspruch genommen. Meine Sammlung von Informationen war so groß wie nie zuvor. Notizen, Audioaufnahmen, Interviews, Bücher und nicht zuletzt alles Video- und Fotomaterial musste gesichtet und sortiert werden. Was muss ich unbedingt mit hineinnehmen und was kann ich weglassen? Was muss ich kommentieren und was einfach wirken lassen? 

Ich hoffe diesmal noch mehr als sonst, dass ich einen guten informativen und auch nicht zuletzt unterhaltsamen Artikel geschaffen habe, denn das war mir nach meinem Besuch von Toraja eine Herzensangelegenheit. Ich verlange nicht diese Kultur zu verstehen oder zu mögen. Ich bitte nur darum sie nicht zu verurteilen, denn so ist die Welt. Voller unterschiedlich gestalteter Orte, deren Existenz kaum zu glauben ist und doch ist jeder Ort für die Menschen die dort leben, ganz normaler Alltag. 

Genießt den Einblick in diesen Ort und erlebt das Leben seiner Bewohner. Denn sowas habt ihr ganz bestimmt noch nicht gesehen.

Für die Menschen in Toraja – Danke, dass ich unter euch sein durfte und ihr mich so herzlich und offen mit in eure Welt genommen habt. Und ganz besonders danke ich Ayub. Der beste Guide für Toraja.

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